The Mad Lover
Programm
John Eccles (1668-1735)
Ouverture aus „The Mad Lover“
John Blow (1649-1708)
aus „Venus and Adonis“
Dance of the Cupids, Saraband of the Graces, A Ground
Carlo Farina (1600-1640)
Carpiccio Stravagante
Capriccio Stravagante, Lira Variata, Qui si batte col legno, La Gallina, Il Gallo, Il Fiferino della Soldatesca, Il Gatto, Il Cane, La Chitarra Spagnola
John Eccles
aus „The Mad Lover“
Slow Air, Air V
Francesco Durante (1684-1755)
Concerto No. 8 in A-Dur „La Pazzia“
1er Satz
Henry Purcell (1659-1695)
aus „The virtuous wife“
Slow Air, Quick Air, Hornpipe
Johann Adolph Hasse (1699-1783)
Fuga and Adagio in g-moll
John Eccles (1668-1735)
Ouverture aus „The Mad Lover“
John Blow (1649–1708)
aus „Venus and Adonis“
Dance of the Cupids, Sarabande of the Graces, A Ground
Carlo Farina (1600–1640)
Capriccio Stravagante
Capriccio Stravagante, Lira Variata, Qui si batte col legno, La Gallina, Il Gallo, Il Fiferino della Soldatesca, Il Gatto, Il Cane, La Chitarra Spagnola
John Eccles (1668-1735)
aus „The Mad Lover“
Slow Air, Air V
Francesco Durante (1684–1755)
Concerto No. 8 in A-Dur “La Pazzia”
1er Satz
Henry Purcell (1659–1695)
aus „The virtuous wife“
Slow Air, Quick Air & Hornpipe
Johann Adolf Hasse (1699–1783)
Fuga and Adagio in g-moll
Was ist Wahnsinn? Im Barock war diese Frage keine klinische, sondern eine poetische – und eine musikalische. Neben der lebhaften „Folia“ (Tollheit), die ihren Ursprung in den volkstümlichen Traditionen Südeuropas hat, kannte auch der Norden Europas seine ganz eigenen Formen von Tollheit. Dort galt die Melancholie als edelste der vier Körpersäfte, als Zeichen eines sensiblen, künstlerischen Gemüts, das tief empfindet und an eben dieser Tiefe zu zerbrechen droht. Liebeskummer, Verzweiflung, das Aufbegehren gegen eine gleichgültige Welt: All das fand in der Musik des 17. und frühen 18. Jahrhunderts seine unmittelbarste Sprache. Dieses Programm versammelt Werke, die diese Grenzbereiche menschlicher Erfahrung auf höchst unterschiedliche Weise erkunden – von erschütternder Trauer bis zu ekstatischer Ausgelassenheit, von schmerzvoller Klage bis zum vollständigen Kontrollverlust.
Den Rahmen des Abends bildet John Eccles (1668–1735) mit seiner Bühnenmusik zu The Mad Lover, einem Schauspiel des jakobinischen Dramatikers John Fletcher über einen Soldaten, der aus unerwiderter Liebe den Verstand verliert. Eccles war Komponist am königlichen Hof und einer der einflussreichsten Theatermusiker seiner Zeit – seine Musik weiß, wie die Seele klingt, wenn sie ins Wanken gerät: expressiv, fragil, manchmal beinahe tänzerisch leichtfüßig, dann wieder von dunkler, drängender Schwere.
Eccles‘ Mentor John Blow (1649–1708) schuf mit Venus und Adonis ein Werk, das heute als früheste erhaltene englische Oper gilt. Unter Blows Feder verwandelt sich die anmutige Pastorale in eine wahre Tragödie. Die Göttin der Liebe verliebt sich in den sterblichen Jäger Adonis – und schickt ihn, von unklugem Verlangen getrieben, in seinen Tod. Adonis stirbt in ihren Armen, und Venus stimmt klagend einen Trauermarsch an. Was bleibt, ist ein Schmerz jenseits des Trostes, welcher sich in seiner unerfüllten Sehnsucht in Form einer erhabenen Melancholie entlädt. Blow schrieb dieses einzige Bühnenwerk für den Hof Karls II. – sein junger Schüler Eccles führte die Kompositionskunst dieser Art von Bühnenmusik im Geiste Blows fort.
Mit Carlo Farina (um 1600–um 1640) betritt das Programm eine gänzlich andere Welt des Wahnsinns: die des exzentrischen Humors und der musikalischen Groteske. Farinas Capriccio stravagante, 1627 in Dresden veröffentlicht, ist eines der avantgardistischsten Werke in einer hochgradig experimentellen Phase der Musikgeschichte. Farina setzt die Violine ein, um Tiergeräusche wie bellende Hunde und kämpfende Katzen nachzuahmen, aber auch Trompeten, Schalmeien, Orgeln und Gitarren. Das Stück ist eine klingende Wunderkammer, ein Kabinett musikalischer Kuriositäten – und gleichzeitig ein ernstes Virtuosenstück, das die Möglichkeiten des damals noch jungen Instruments Violine bis an ihre Grenzen treibt. Wahnsinn erscheint hier als kreative Befreiung: stravagante bedeutet nicht weniger als extravagant, fantastisch, sonderbar.
Henry Purcell (1659–1695), Schüler Blows und Vollender der englischen Barockmusik des 17. Jahrhunderts, steht mit seiner Schauspielmusik zu The Virtuous Wife für eine andere Facette: Hier ist es nicht Wahnsinn, sondern Witz, Groteske, aber auch Anmut und die Süße unerfüllter Sehnsucht, die die Musik durchziehen. Purcell war der englische Meister des affetto, jener Kunst, Gefühle in Klang zu verwandeln, ohne sie je zu übertreiben. In seinen Theaterstücken trägt die Musik das, was die Sprache allein nicht fassen kann.
Francesco Durante (1684–1755) begegnet uns mit seinem Concerto No. 8 in A-Dur, dem er den programmatischen Titel La Pazzia – der Wahnsinn – gab, mit seiner radikalsten Seite. Die wechselnden Tempi und schwankenden Stimmungen des Werkes reichen von verwirrt, gedankenverloren bis rasend, und wechseln sich dabei mit eingeschobenen affettuoso-Abschnitten ab, in denen die Mittelstimmen ein verliebtes Duett singen. Das Werk ist eine merkwürdige Komposition, die dem etablierten Muster abwechselnder Tutti- und Soloabschnitte nur oberflächlich folgt – die seltsame Abfolge der Einfälle spiegelt eine Vorliebe für kapriziöse Darstellungen wider, die sich auch in einigen von Vivaldis avanciertesten Konzerten findet.
Den Abschluss bildet Johann Adolf Hasse (1699–1783) mit seiner Fuga e Adagio in g-Moll. Hasse, aus Hamburg gebürtig, reiste wie so viele seiner Zeitgenossen nach Neapel, wo er bei Alessandro Scarlatti studierte und schnell zu einem der gefeiertsten Opernkomponisten Europas aufstieg. Er wurde in Dresden Musikdirektor der Hofoper, wo ihn Rousseau als Leiter des besten Orchesters der Welt bezeichnete. Als Schüler Scarlattis – und damit ein musikalischer Enkel der neapolitanischen Tradition, aus der auch Durante schöpfte – verbindet er in dieser Sonate kontrapunktische Strenge mit der melodischen Wärme des galanten Stils. Das Adagio singt mit jener stillen, kontemplativen Melancholie, die nicht schreit, sondern schweigt – und gerade dadurch am tiefsten berührt.
So umkreist der heutige Abend sein Thema aus allen Richtungen: Liebeskummer und Trauer, Ekstase und Irrsinn, Humor und stille Verzweiflung. Was uns verbindet mit diesen Komponisten, die vor drei- bis vierhundert Jahren schrieben, ist die gemeinsame Erkenntnis: Das Innerste des Menschen – seine Leidenschaften, seine Brüche, seine Sehnsucht – lässt sich in Noten fassen. Vielleicht sogar eindrücklicher als in Worten.
